Lindenblatt 2003

Die Linde in Binzen und die Geschichte des Ortes

Die Geschichte und die Besitzer der Höfe in Binzen

Im Namen des Königs!

Johann Baptist Lämmle

Scharmützel bei Mennisweiler

Mord und Totschlag in der Pfarrei

Ein geisteskranker Knecht erstach Josef Brauchle

wegen Liebschaft zum Mörder geworden

Kindermord in Engetweiler

Aufgeschnappt – aus der Chronik der Pfarrei

 Seit unvordenklichen Zeiten Eligius-Wallfahrt in Mennisweiler

Erschießung eines Soldaten in Mennisweiler

Korsischer Gefangener in Roßberg erschossen

Soldatengrab von Wilhelm Krentz aus Ludwigsburg bei Mennisweiler

Vom Leben und Sterben in der Pfarrei in früherer Zeit

Die Glocken im Turm der Pfarrkirche Molpertshaus

Gedenktafel erinnert an Gefallenen aus dem Krieg von 1870/71

O Hanser, hätt i doch nix vom Holla gseit. S hätt’s scho no dau  

 

 

Die Linde in Binzen und die Geschichte des Ortes

Der Weiler Binzen liegt auf dem Ausläufer eines Moränenhügels aus der letzten Eiszeit, die vor 15.000 Jahren zu Ende ging. Der Höhenzug erstreckt sich vom Roßberg über den Motzenbuckel bis zum Moosberg, wo die Lourdeskapelle steht.

Die Linde bei der still gelegten Hofstelle Stehle hat einen Stammumfang von 2 Meter 70. Sie ist etwas über 100 Jahre alt, wie uns der Besitzer sagte.

In den Kirchenbüchern von Molpertshaus wird Binzen erstmals im Jahre 1503 erwähnt, als die Heiligenpfleger (heute Kirchenpfleger) „Unserer Lieben Frauen zu Molpertshaus", so das damalige Patronat der Molpertshauser Kirche, Claus Zembrot von Engetweiler und Hans Gerumb von Mennisweiler den säumigen Hans Längsten von Binzen zur Abgabe des Zehnten aufforderten.

Binzen war damals noch im Besitz des Klosters in Weingarten. Im Jahre 1603 wurde der Ort von der Herrschaft Wolfegg erworben. 1645, also kurz vor Ende des 30-jährigen Krieges, gab es dort noch drei Höfe. Die Lehensträger seinerzeit waren: Martin Rott mit drei Roßbau-Gut (etwa 75 Morgen), öd, also unbewirtschaftet, Haus auf dem Untergang; Hemmerlin Michel, ebenfalls drei Roßbau-Gut, öd und Haus auf dem Untergang; Hemmerlin Jakob, ein halber Roßbau, öd, Haus niedergefallen. Die Zeit des 30-jährigen Krieges und nach der schrecklichen Pestepidemie hat offensichtlich auch Binzen hart getroffen. Ab dieser Zeit gab es dann nur noch zwei Höfe. Manche Dörfer – auch in der näheren Umgebung – waren nach dem 30- jährigen Krieg völlig ausgelöscht worden.

Für Binzen findet sich eine weitere Aufzeichnung in den Kirchenbüchern. Am 7. September 1675 jedenfalls beschwerte sich der Prälat vom Kloster Roth in einem Copia- Schreiben bei den „Wohl Edlen auch Hochgelehrten und Hochgeehrten Herren Beamten von der Herrschaft Wolfegg" über das seltsame und unverantwortliche Gebahren 2

ihres Lehenträgers Andreas Martin, der auch einige Grundstücke der Kirchenpflege bewirtschaftete. Ihm wurde vorgeworfen, er mache „Komplott" mit dem Zehntknecht und er lasse bei Nacht Garben verschwinden, bevor sie gezählt sind. Unterzeichnet wird das „Klageschreiben" von den „Dienstwilligen Reichsgotteshaus Roth, Räte und Oberamtsleut allda".

(Das Foto aus dem Jahre 1920 zeigt den Hof Sonntag / Stehle. Vorne lins Hofbesitzer Wilhelm Sonntag, seine Schwester Bernhardine, deren Tochter Luise Pauline, die später Lehrer Stehle, den Vater des Max Stehle heiratete, die Schwester des Hofbesitzers Elisabeth; rechts das Gesinde).

Die Geschichte und die Besitzer der Höfe in Binzen

Hof Stehle, Hausnummer 2 (früher Sonntag), Hofname Basches (der Name stammt vielleicht von dem ehemaligen Besitzer Sebastian Sonntag).

Der Hof war ursprünglich der kleinere der beiden Binzer Höfe, wurde aber ständig vergrößert. Um 1675 ist ein Lehensträger Andreas Martin eingetragen, um 1713 Ulrich Martin, 1732 Johann Martin. Von 1756 bis 1775 ist Leonhard Müller eingetragen, seit 1778 bis 1930 waren Sebastian, dann Josef Anton, David und von 1908 bis 1930 der ledige Wilhelm Sonntag als Besitzer auf dem Hof. Seit 1930 gehört der Hof der Familie Stehle, die diesen allerdings von 1930 bis 1961 an Hans Schad und von 1961 bis 1973 an Bruno Merkel verpachtet hatte. Seit 1973 sind die Grundstücke verpachtet. Das Wohnhaus ist vermietet, die Hofstelle selbst steht leer. Wohnhaus und Hofstelle wurden nach einem Brand durch Blitzschlag am 2. September 1894 neu errichtet. Dabei wurde der Hof etwas nach Osten versetzt. Das Wasser für Mensch und Vieh wurde früher aus der Senke, einem „Toteisloch", mit Hilfe eines Windrads heraufgepumpt. Die Senke liegt direkt hinter dem heutigen Wohnhaus.

Alte Hofstelle Denzler (heute Pferdestall), Hausnummer 1

Der einstmals größte Hof im Weiler mit über 100 Morgen musste in den Jahren 1867, 1871 und 1874 innerhalb kürzester Zeit drei Brände verkraften. Zusätzlich war wohl „Schlendrian" von 1860 bis 1900 die Ursache dafür, dass der Hof auf 15 Morgen schrumpfte.

Die Aufzeichnungen über die Lehensträger bzw. Besitzer des Hofes beginnen mit dem Jahr 1713 als ein Christof Häfele auf den Hof eingetragen ist. Ihm folgten Johann Martin (um 1732), Lorenz Fleischer (um 1749), Josef Zeller aus Enkenhofen von 1764 bis 1776, Franz Josef Fischer von 1776 bis 1796, Christian Fimpel von Himpach in den Jahren 1796 bis 1806, dann Simon Hepp aus Sommers von 1807 bis 1830, Alois Bohner von Steinenberg von 1820 bis 1850, dessen Sohn Josef Bohner von 1850 bis 1874, dessen Schwiegersohn Alois Dezel von 1874 bis 1890, anschließend Matthias Morscher aus Fronhofen bis 1895, Franz Xaver Hilebrand aus Waldburg von 1895 bis 1902 und nur kurze Zeit Georg Wucher bis 1904. Schon Alois Dezel hatte den größten Teil der Grundstücke samt Hofstelle an Damian Cloos aus Saulgau verkauft, der aber nicht im Binzen wohnte. 1906 kam Josef Denzler aus Gossetsweiler (bei Horgenzell) nach Binzen, wo er das Wohnhaus und einen Teil der Felder erwarb. Später baute Josef Denzler Stall und Scheuergebäude hinzu. Sein Sohn Josef Denzler übernahm 1937 den Hof und führte diesen bis 1977. Nach einem erneuten Brand im Jahre 1962 wurde der Hof etwa 100 Meter weiter östlich am heutigen Standort errichtet. Doch auch hier schlug der „Feuerteufel" noch einmal zu, als im Jahre 1975 das Gebäude durch Brand erneut stark beschädigt wurde. Seit 1977 führt Franz Denzler den Hof.

(auf dem Foto auf Seite 2 ist die Linde beim Hof Stehle und der heutige Reitstall zu sehen)

Bergschmiede, Hausnummer 3

Im Jahre 1870 errichtete Engelbert Neyer, der Sohn des Anton Neyer, Schmied in Mennisweiler, auf dem Grundstück von „Basches" Sonntag ein Wohnhaus mit Stall, Scheuer und einer Schmiede. Im Jahre 1912 übernahm dessen Sohn Karl das Anwesen, der es wiederum an Sohn Albert weitergab. Landwirtschaft und Schmiede wurden mittlerweile längst aufgegeben.

Hausnummer 4, Bechter und Stöhr

Erbaut wurde diese Haus im Jahre 1882 von Johann Georg Keßler, gebürtig aus Mennisweiler. 1897 wurde es an Leonhard Maucher aus Unterschwarzach veräußert, der 3

es schon zwei Jahre später an Eusebius Hirschle von Tannhausen verkaufte. Hirschle baute einen Schuppen dazu und betrieb eine kleine Ladnwirtschaft. Bereits 1904 verkaufte er an Gottlieb Bechter, Hirschwirt von Molpertshaus. Seit dieser Zeit wird es von Mietern bewohnt. Namen wie „Stöhra Nähre" oder „Wenzels Theres" sind zumindest den Älteren noch gut in Erinnerung.

Kapelle in Binzen

Schon 1828 stand in Binzen eine Kapelle, die der Ortschaft gehörte. 1956 wurde die baufällige Kapelle abgerissen und eine neue erbaut. Finanziert wurde sie vom Besitzer des Hofes Sonntag, Herrn Max Stehle. Die Erbengemeinschaft Stehle ist Besitzer des schmucken Hauses neben der Kapelle. Dieses frühere Pfründnerhaus wurde etwa um 1882/83 erbaut und später, etwa um 1928, grundlegend verändert.

Im Namen des Königs!

BINZEN – Offensichtlich war der einstmalige Besitzer des heutigen Hofes Denzler nicht immer ein ganz zurückhaltender Mann. Im Waldseer Tagblatt von 1886 jedenfalls wurde ein Urteil „Im Namen des Königs!" mit Datum vom 2. Januar 1886 veröffentlicht, wonach Alois Dezel, Bauer von Binzen, „wegen Beleidigung und Bedrohung" in der Sitzung des „Königlichen Schöffengerichts zu Waldsee" vom 30. Dezember 1885 „wegen des Vergehens einer öffentlichen Beleidigung" zu einer Gefängnisstrafe von zehn Tagen und wegen des Vergehens der Bedrohung zu einer Geldstrafe von 25 Mark verurteilt wurde. Offensichtlich hatte Alois Dezel den „Forstschützen Josef Heiß in Altthann" beleidigt. Womit er diesen allerdings beleidigt hat, steht nicht in der Veröffentlichung des Waldseer Tagblatts. Schade, eigentlich, das hätte uns auch noch brennend interessiert...

Johann Baptist Lämmle – Seegrassattler und Binzemer Original

BINZEN – Das heutige Pfründnerhaus Denzler, das derzeit renoviert wird, ist ein Haus wie viele andere auch, klein und behaglich. Doch dieses Haus hat Geschichte, weil darin lange Zeit ein Mensch wohnte, der für die damaligen Zeitgenossen eine Bereicherung war. Johann Baptist Lämmle war ein „Unikum", wie man damals sagte, ein „Original", wie Menschen seines Schlages heute vielfach genannt werden.

Doch der Reihe nach. Johann Baptist Lämmle wurde am 29. April 1851 in Rettisweiler bei Laupheim geboren. Er heiratete im Jahre 1879 Maria Ursula Breiner. Obwohl seine Frau bereits fünf Jahre später starb, entstammten dieser Ehe vier Kinder. Zwei starben schon unmittelbar nach der Geburt, was mit den beiden anderen geschah, entzieht sich unserer Kenntnis. Die Mutter von Johann Baptist Lämmle, Franziska Lämmle, geborene Müller, zog nach dem Tod ihres Mannes von Rettisweiler zu ihrem Bruder nach Binzen. Dort war Urban Müller Schweizer (ein „Schweizer" war für das Melken der Kühe auf einem Hof zuständig) auf einem der Binzer Höfe.

Als Urban Müller 1893 starb, kaufte dessen Schwester, die Mutter unseres Johann Baptist Lämmle, vom Hofe Dezel ein Grundstück, auf dem ein Wasch- und Backhaus stand. Einige Jahre später brach sie die alten Gebäude ab und errichtete, vermutlich mit dem Geld aus dem Nachlass ihres Bruders, ein Wohnhaus, eben das heutige Pfründnerhaus Denzler, das einstmals die Hausnummer 1 b trug. In diesem Haus lebte dann Johann Baptist Lämmle, der schon 1893 nach Binzen kam, mit seiner Mutter und seinen Geschwistern Bernhard und Theresia in diesem Haus.

Wer aber war dieser Johann Baptist Lämmle? 4

Von Beruf war er Sattler. Seegrassattler wurde er genannt, weil er nicht nur in der Fasnet in Waldsee, sondern auch das Jahr hindurch öfters einen selbst gefertigten Anzug aus Seegras trug. Von kleinem Wuchs war Lämmle für Jung und Alt ein Objekt für viele Spötteleien und Streiche.

Im Untergeschoss seines Hauses waren ein paar Ziegen untergebracht, ebenso ein Ziegenbock, der für alle Ziegen in der näheren Umgebung „zuständig" war. Das war natürlich eine geruchsintensive Angelegenheit, wie es von einem Ziegenbock nun einmal zu erwarten ist.

Die Leidenschaft Lämmles war das Spielen in der Klassenlotterie. Einmal hat er gar 4.000 Mark gewonnen, was seinerzeit eine horrende Summe und damit das Gesprächsthema im ganzen Oberland war.

Als im Jahre 1923 seine Schwester starb, „hauste" Lämmle noch neun Jahr lang allein in besagtem Wohnhaus. Lämmle selbst starb im Jahre 1932 im Krankenhaus Waldsee 81-jährig infolge eines Schlaganfalls. Doch nicht einmal im Tod ließ man ihn in Ruhe. Das schlichte Holzkreuz auf seinem Grabhügel wurde entwendet. Beim verdächtigten Totengräber wurde der ganze Holzvorrat durchsucht, allerdings blieb diese Aktion ohne Erfolg.

So blieb auch dieser Frevel ein Geheimnis. Ein Geheimnis wird auch seine finanzielle Lage bleiben, denn man erzählt sich heute noch, dass er in der Wirtschaft seine Zeche immer nur aufschreiben ließ und so nach seinem Tod nichts mehr übrig blieb. Vielleicht ist allerdings auch dies nur eine bösartige Nachrede.

Scharmützel bei Mennisweiler

Es war am 8. August im Jahre 1704 als nördlich von Mennisweiler (auf dem Foto an dem Schriftzug mit den gekreuzten Schwertern zu erahnen; Foto aus: Im Oberland 2002, Heft 2, S. 38) ein Scharmützel zwischen deutschen und französischen Soldaten stattfand. Wenige Tage vor der bedeutenden Schlacht am 13. August 1704 bei Höchstädt an der Donau, wo die Truppen unter Prinz Eugen und dem Herzog von Marlborough das französisch-bayrische Heer besiegten, standen sich kaiserliche und französische Truppen in Mennisweiler gegenüber. Dieses Ereignis zeigt, dass auch unsere Region vom „Spanischen Erbfolgekrieg" in den Jahren 1701 bis 1714 betroffen war. Neben dem Scharmützel, was eine kleine Schlacht bedeutet, wurde Oberschwaben durch Kontributionen und Brandschatzungen seinerzeit in Mitleidenschaft gezogen. Wer damals gewonnen hat, ist nicht überliefert. Auf der sogenannten „Landtafel" der Herrschaft Waldsee, die von Johann Rudolph Mohr im Jahre 1724 gemalt wurde, lässt sich allerdings der Ort des Scharmützels ziemlich genau ausmachen. Danach muss die Schlacht wohl auf der Anhöhe zwischen Zwings und Mennisweiler auf der heutigen Wiese vor dem Wald stattgefunden haben.

Im Spanischen Erbfolgekrieg, der als europäischer Krieg von 1701 bis 1714 dauerte, ging es um die Vormachtstellung in Europa. Der als „Sonnenkönig" bekannt gewordene Ludwig XIV von Frankreich (1638-1715) wollte mit seinem Enkel Philipp V, der als Nachfolger des letzten spanischen Habsburgers Karl II im Jahre 1701 spanischer König wurde, seine Macht in Europa ausbauen. Diesem Philipp V stellten England, die Niederlande und Österreich den Habsburger Karl, später Kaiser Karl VI, entgegen. So entbrannte der Spanische Erbfolgekrieg, in dem es eben um das Erbe Spaniens ging, um das nun die Bourbonen (das Geschlecht Ludwigs XIV) und die Habsburger stritten. In diesem Krieg taten sich auf Seiten der Habsburger eben der bereits erwähnte Eugen von Savoyen, der als Prinz Eugen, der „edle Ritter" bekannt wurde, und der englische Herzog von Marlborough, hervor. Bis zum Jahr 1709 schien es, als ob sie den Krieg für sich und damit Habsburg entscheiden könnten. Dann allerdings erfolgte ein Umschwung. Schließlich blieb der Bourbone Philipp V König von Spanien. Im Frieden von Rastatt 1714 fielen allerdings größere ehemalige spanische Gebiete an England bzw. Österreich.

Es wäre allerdings etwas vermessen, wenn wir meinten, dass das Scharmützel bei Mennisweiler kriegsentscheidende Bedeutung hatte. Ob Ludwig XIV von dem Scharmützel 5

von Mennisweiler überhaupt erfahren hat, ist ebenfalls eher ungewiss. Und dennoch, mit diesem Scharmützel zeigt sich, dass auch unsere Region geradezu europäische Bedeutung hat...

„Scharmützel" bedeutet übrigens so viel wie ein „kleines Gefecht".

Mord und Totschlag in der Pfarrei

Nicht immer ging es so ganz friedlich in unserer Kirchengemeinde zu. Schon im letzten Jahr haben wir von einem Mord in Molpertshaus berichtet. Die Kriminalisten lasen diesen Artikel mit besonderer Aufmerksamkeit. Im diesjährigen Lindenblatt berichten wir von weiteren Schandtaten, die in unserer Kirchengemeinde geschahen.

Ein „geisteskranker" Knecht erstach Josef Brauchle

Ein gewisser Josef Brauchle ist in diesem Kriminalfall aus dem Jahre 1888 Opfer, der Knecht Fritz Weiß Täter. Folgende tragische Begebenheit ereignete sich nach der Hochzeitsfeier der Tochter des Brauers Friedrich Nold, die am 21. September 1888 Georg Bendel aus dem Forst heiratete. Die Hochzeitsfeier verlief, so ist es überliefert, noch sehr harmonisch. Die letzten Gäste verließen nachts um 1 Uhr das Gasthaus zum Bräuhaus in Roßberg und machten sich auf den Nachhauseweg. Offensichtlich sind Josef Brauchle, der eigentlich aus Gwigg stammte, und dessen Mörder Fritz Weiß miteinander die Rossberger Steige gegangen. An der „Waldecke an der Straße von Roßberg nach Mennisweiler", also vermutlich unmittelbar nach dem zweiten Bahnübergang, kam es zu dem tödlichen Messerstich, ohne dass es – so ist es in der Chronik überliefert – zuvor weder im Wirtshaus noch auf dem Nachhauseweg zu einem größeren Streit gekommen wäre. Was das Motiv des später als „geisteskrank" bezeichneten Fritz Weiß aus Engerazhofen war, lässt sich nur vermuten. Sein Opfer jedenfalls war der Bruder der Frau des Wirts Josef Fäßler zum Landboten (später Gashaus „Frohsinn" in Mennisweiler) und der Frau des „Martinsbauern" Josef Wassmer (heute Hofstelle Graf). Der Täter war zur Zeit der Tat Knecht bei Xaver Stephan in Zwings, zuvor allerdings stand er schon einmal in Diensten des Schwagers von Josef Brauchle, nämlich beim Martinsbauern Josef Wassmer. Bei diesem wollte er wieder in Stellung gehen. Vielleicht hat Fritz Weiß angenommen, dass Josef Brauchle diesem Ansinnen entgegen stand. Jedenfalls steht in der Chronik, dass Fritz Weiß „einen großen Zorn gegen den Brauchle hatte, weil sein Wunsch nicht in Erfüllung gegangen war". Fritz Weiß wurde schon einen Tag nach der Tat verhaftet und schließlich wegen seiner „Geisteskrankheit" in die „Irrenanstalt" nach Schussenried eingeliefert.

Wegen der Liebschaft mit einer Magd zum Mörder geworden

Was genau seinerzeit passierte, kann wohl nicht mehr rekonstruiert werden. In der Chronik vom November 1842 jedenfalls wird von einem weiteren Mordfall in der Kirchengemeinde berichtet. Dort heißt es: Im November 1842 starb im Zuchthaus Gotteszell ein lediger Mann aus der Pfarrei im Alter von 46 Jahren kurz vor seiner Entlassung aus dem Strafhause. Er war früher Fuhrmann von roher Gemütsart und hatte im niederträchtigen Streite, den er mit einem anderen auf dem Heinweg vom Wirtshaus wegen Liebschaft mit einer Magd angefangen, den Letzeren im halbbetrunkenen Zustand erstochen. Er wurde zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt und später auf acht Jahre begnadigt. Dieser Mann war Franz Josef Gögler aus Zwings.

Kindermord in Engetweiler

Am 17. September 1903 wurde im sogenannten Furtmühleweiher von Gebhard Müller und Paul Baumeister ein totes Kind gefunden. Abends kam der Gerichtsangestellte und untersuchte den Fall und stellte fest, daß es von der Muter Walburga Killer von Weitprechts in den Weiher geworfen wurde, um es zu ertränken. Dies war bereits am 9. September. Das Kind war acht Monate alte und stand im Wege, weil die von ihrem Mann getrennt lebende Frau einen anderen heiraten wollte. Die Frau wurde vom Schwurgericht Ravensburg zum Tode verurteilt und von König Wilhelm II zu lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt.

Aufgeschnappt – aus der Chronik der Pfarrei

1632 - Molpertshaus im 30-jährigen Krieg. Am 13. April 1632 wurden in dieser Gegend die Orte Gaisbeuren, Kürnbach, Enzisweiler und Molprechtshausen durch die Schweden in Schutt und Asche gelegt.

1724 – Als einer der ersten Höfe in der Umgebung wurde der Hof Wassmer (heute Hofstelle Graf) in Mennisweiler freigekauft. Im Stadtarchiv Waldsee steht unter der Nummer 1637 vom Jahre 1724: Reichtstruchsess Johann Maria Graf zu Wolfegg bekennt, daß Martin Wassmer von Mennisweiler freigekauft habe.

Anmerkung: Mit dem Freikauf musste der Hof keine Abgaben (Zehnten) und der Bauer keine Fron mehr leisten. Vermutlich hat die Hofstelle von eben diesem Martin Wassmer die spätere Bezeichnung „Martinsbauer" erhalten, die in dem Mordfall von 1888 erwähnt wird.

1764 – Beim Bau des Pfarrhauses kam es wegen der Größe und der enormen unvereinbaren hohen Kosten, auch wegen des künftig darin Wohnens zu Ungereimtheiten und Unregelmäßigkeiten. Der Maurermeister hatte Abt Moritz beim Bau betrogen und auch anderweitig öffentliche Gelder unterschlagen.

1771 – Das erste Ewige Licht in der Pfarrkirche Molpertshaus wurde von Katharina Zimmerlin, Pfarrhaushälterin aus Haisterkirch, gestiftet.

1809 – Am Kirchweihfest 15. Oktober 1809 und am Kirchenpatrozinium 25. November 1809 (Gedenktag der Heiligen Katharina von Alexandrien) hatte der Pfarrer einen auswärtigen Prediger bestellt und musste dafür je 2,42 Gulden berappen (etwa 4,6 Mark). Der Sängerchor erhielt 1,12 Gulden.

1826 – Schon damals wurde ein Funken abgebrannt.

1845 – Die Vikare drängten darauf, dass auch die Väter an der Taufe teilnehmen sollten.

1900 – Lehrer, Mesner, Organist und Chordirigent Josef Salat scheidet am 1. Juli 1900 mit 72 Jahren aus dem Schuldienst aus. Nach einem Gesetz von 1899 hat die Trennung dieser Ämter zu erfolgen. Das Mesnerhaus, bisher Wohnung des Lehrers, fällt der Kirchengemeinde zu, ebenso Äcker in der Molpertshauser Gemarkung, die Wiese in Mennisweiler, sowie die Weiherwiese im Hundsmoos. Nachfolger im Mesnerdienst wurde sein Sohn Eugen Salat, Buchbinder aus Molpertshaus. Alois Hoch wurde als Orgeltreter angestellt. Organist und Chordirigent wird Amtsverweser Lehrer Michler.

1901 wird beschlossen, daß nach Erweiterung der Kirche niemand mehr auf der Stiege Platz nehmen dürfe. Auf der Empore dürfen neben den Sängern nur noch verheiratete Männer oder ledige Burschen, die mindestens 25 Jahre alt sind, Platz nehmen.

1952 – Chronikeintrag von Pfarrer Heinzmann. „Bei Besuchen in den Privathäusern kann der Pfarrer wenig Verständnis für Kunst entdecken. Viel Kitsch und Geschmacklosigkeiten in Bild und Plastik. Deshalb wurde vom 10. Februar bis 19. März eine Kunstausstellung veranstaltet im Saal vom Adler, die noch besser hätte besucht werden sollen. Zugleich wurde in diesem Zusammenhang auf gute Literatur aufmerksam gemacht, doch der Lesehunger ist nicht groß."

1961 – Pfarrer Heinzmann beklagt sich über die Handwerker. Er schreibt: „Die Handwerker haben nicht nur hohe Löhne (5,50 Mark pro Stunde), sondern sind bald so rar und kostbar wie das Gold. Um einen Handwerker streitet man sich und man muß vor allem warten können."

1965 – Am 24. Januar 1965 werden die Liednummern zum ersten Mal durch einen Projektor angezeigt.

1966 – Schließung der Hauptschule in Molpertshaus. Ab 1. Dezember mussten die Klassen 5 bis 8 die Hauptschule in Bergatreute besuchen.

Anmerkung: Im Jahr 1966 gab es zwei Kurzschuljahre. Das erste war von Ostern bis 30. November. Das zweite begann am 1. Dezember und dauerte bis zu den Sommerferien. Mit den beiden „Kurzschuljahren" wurde der Schulbeginn von der Zeit nach Ostern auf den 1. August verlegt. Vermutlich war es vor allem der Jahrgang 1956, der damals erstmalig die Hauptschule in Bergatreute besuchen musste.

Seit unvordenklichen Zeiten Eligius-Wallfahrt in Mennisweiler

MENNISWEILER – Erst vor kurzem erhielt Rudolf Schuhmacher einen Auszug aus dem Stadelhofer Geschichtsband Nr. 3, der von Eberhard Silvers aus Steinhausen-Rottum übersetzt wird. Dort ist über die ehemalige Eligius-Kapelle in Mennisweiler (diese stand in etwa an der Kreuzung nach Molpertshaus wenige Meter südlich der L 314 und östlich der Straße nach Molpertshaus).

„Für die zerstörte Kapelle St. Eligius, anliegend am Herrschaftsweg (Königinnenweg) nach Mennisweiler gelegen, einst zu Haisterkirch, heute zur Seelsorge der Kirche nach Molpertshaus gehörend, wurde 1724 vom Konstanzer Ordinariat die gnädige Erlaubnis erteilt, diese auf den zerstörten Grundmauern von St. Eligius wieder aufzubauen. Denn seit unvordenklichen Zeiten bis auf den heutigen Tag wallfahrtete zu seiner Ehre zahlreiches 7

Volk um ihn für die Unversehrtheit der Pferde anzurufen. Dieser Kult wurde vor kurzer Zeit, wegen des Bilderverbotes, als anstößig angesehen. Es wurde dagegen eingeschritten, diese Kapelle weiterhin zu öffnen, so dass kein Mensch mehr dort gesehen wurde. Unter der Schande des Sakrilegs spaltete man das Haupt des Bildnisses und verstümmelte dessen Hände und Füße. Das war der Grund für sie, ehrfürchtig herbeizulaufen und dieses im Geheimen anzuschauen, ihm weiterhin verbunden zu bleiben, das Bilderverbot bekämpfend, indem sie dies verschmähen. Im Übrigen ist das Bildnis wiederhergestellt und außerdem ist die Anrufung des Heiligen, den es bezeichnet, bis heute durch zahlreiche Gnadenerweise erhellt worden."

Unbeachtete Zeugnisse des Zweiten Weltkrieges

MENNISWEILER – Im diesjährigen Molpertshauser Lindenblatt wollen wir von drei Ereignissen berichten, die die Unbarmherzigkeit des Krieges an Einzelschicksalen zeigen und für drei Soldaten den Tod bedeuteten. Vor allem der Bericht von Rudolf Schuhmacher geht „unter die Haut".

Erschießung eines Soldaten in Mennisweiler

Geradezu sinnlos war die Erschießung des damals 23-jährigen Rudolf Hunzinger aus Saarbrücken hinter dem Haus Rudolf Schuhmacher in der Bürgerstraße von Mennisweiler.

Rudolf Schuhmacher, damals acht Jahre alt, erinnert sich.

Meine Mutter, meine Schwester und ich mussten damals auf Anordnung der einquartierten französischen Soldaten im Stall neben Kälbern, Kühen und Ochsen schlafen. Es war der 4. Mai 1945, eine dunkle, laue Mainacht, als wir um etwa 23 Uhr vom Geschrei der Soldaten erwachten.

Wie sich herausstellte, hatten sie zwei deutsche Soldaten aufgestöbert. Sie brachten die beiden in unsere Stube. Nach einiger Zeit ging die Stalltüre auf und sie zeigten uns einen der beiden Soldaten. Sie fragten meine Mutter: „Kennen Sie diesen Mann? Dieser Mann SS?" Meine Mutter sagte: „Ja, ich kenne diesen Mann, es ist Alois Detzel von hier und er ist keinesfalls bei der SS." Damit waren sie zufrieden. Kurze Zeit später wurde der zweite Soldat zur Haustüre hinaus geschoben und dann mit einer Salve von Schüssen niedergestreckt. Alois Detzel, der heute 82-jährige Rentner und Bruder von Josef Detzel, wohnhaft in München, sagte uns kürzlich: „Ich hörte die Schüsse und dachte: jetzt bist du dran". Dem war aber - Gott sei’s gedankt – nicht so. Er musste die ganze Nacht Geschirr spülen. Am anderen Tage kam er auf die Kommandantur (Hof Koch), wo ihn nach inständigem Bitten auch seine Mutter besuchen durfte. Über Ermlers Schopf (damals französisches Gefängnis) kam Alois Detzel nach Roßberg, Waldsee, Biberach, Kehl schließlich nach Frankreich, wo er zunächst in einem Arbeitslager untergebracht wurde. Später arbeitete er bei einem Bauerrn. Erst zwei Jahre nach dem Ende des Krieges, im Juni 1947 wurde er in seine Heimat entlassen.

Was aber geschah mit dem getöteten Rudolf Hunzinger? Seine Leiche wurde mit einer Zeltplane zugedeckt. Tags darauf mussten einige Männer aus Mennisweiler hinter Fäßlers Stadel ein Grab schaufeln, in welches er hineingelegt wurde. Am 15. Oktober 1945 wurde er dann auf dem Friedhof in Molpertshaus ordnungsgemäß bestattet. Monate später fand er auf dem Kreuzbergfriedhof in Weingarten (Foto) endgültig seine letzte Ruhestätte. Alois Detzel, der erst vor wenigen Tagen wieder einmal in Mennisweiler war und in Molpertshaus den Sonntagsgottesdienst besuchte, schilderte uns die letzten Tage seines Zusammenseins mit seinem Kameraden. „Ich war in Schwäbisch Hall, wo wir eine Brücke zu verteidigen hatte. Da ich annahm, dass der Krieg schon vorbei sei, warf ich mein Gewehr weg. Doch ein fanatischer Offizier stellte mich zur Rede und gab mir eine Handgranate zur Abwehr der anrückenden Panzer. Ich warf auch diese weg und flüchtete bis ins bayerische Buchloe, also in die amerikanische Besatzungszone. Im Wald bei Buchloe traf ich Hunzinger und wir beschlossen, uns gemeinsam bis in die Heimat durchzuschlagen. Bei Tag schliefen wir im Heu oder Stroh abgelegener Bauernhöfe, wo uns trotz der Angst vor einer Aufdeckung zu essen auch zu trinken gegeben wurde. Bei Nacht marschierten wir in den Wäldern Richtung Heimat. Unsere letzte Station war Gospoldshofen. Mennisweiler vor Augen wurden wir in Zwings, beim früheren Haus 8

Hildenbrand, entdeckt. Wir flüchteten, doch sofort wurde Großalarm ausgerufen, denn sie vermuteten eine SS-Einheit. Bei Fäßlers Stadel wurden wir dann gefasst."

Rudolf Hunzinger war tatsächlich bei der SS, hatte jedoch vermeintlich alle Spuren, die seine SS-Zugehörigkeit verraten konnten, beseitigt. Ein Urlaubsbild, das ihn mit seiner Familie in SS-Uniform zeigt, wurde ihm dann doch zum Verhängnis.

Eine Hinrichtung ohne Anklage, ohne Urteil und ohne Befehl. Ist der Verlierer doch immer der Verbrecher und der Sieger immer im Recht?

Korsischer Gefangener in Roßberg erschossen

Auch von deutschen Soldaten wurden Menschen ohne viel Aufhebens erschossen. So wird von einem Dominique Muraciole berichtet, der am 18. August 1941 in Roßberg erschossen wurde. Muraciole war ein Gefangener aus dem Lager Wurzach und arbeitete in Zwings. Von dort floh er mit zwei Mitgefangenen. Er wurde in Roßberg von dem verfolgenden Wachmann gestellt und als er diesem keine Folge leistete, erschossen. Anschließend wurde er in der Brauerei aufgebahrt und Tage später auf dem Molpertshauser Friedhof beigesetzt. Die Beisetzung war unter Anwesenheit einer Abordnung der Wehrmacht und der Mitgefangenen und wurde von einem korsischen katholischen Geistlichen vorgenommen. Der Getötete kam am 2. August 1913 in Aghione in Korsika zur Welt. Auch sein Sarg wurde später auf den Friedhof für Ausländer in Weingarten überführt.

Soldatengrab von Wilhelm Krentz aus Ludwigsburg bei Mennisweiler

Die meisten Mennisweiler Bürger wissen um ihr Soldatengrab im Wald nördlich des Dorfes. Viele finden auch den Weg zu dem noch immer gepflegten Grab eines Soldaten, der in den letzten Kriegstagen erschossen und im Wald begraben wurde. Dort fand Wilhelm Krentz, dessen Namen noch auf dem Grabstein wenigstens zu erahnen, wenn auch nicht mehr gut zu lesen ist, seine letzte Ruhestätte.

In dem von Elmar Scheffold bearbeiten Buch „50 Jahre danach", 1945 – 1995, wird auf Seite 138 die Geschichte des Soldatengrabs geschildert. Wir übernehmen die Ausführungen aus diesem lesenswerten Buch, das auch andere Schicksale aus unserer Region schildert. Scheffold nennt in seinem Buch das Soldatengrab als eine der wenigen „ganz verborgenen Stätten, die an das Grauen jener Tage erinnern" und weiter: „Dazu zählt zum Beispiel das Soldatengrab von Leutnant Wilhelm Krentz nördlich von Mennisweiler, versteckt im Hochwald auf dem Moränenhügelzug. Ein wenig konnte der Autor über das Schicksal dieses deutschen Soldaten erfahren. Bei Kriegsende hatte sich der 25-jährige Wilhelm Krenz aus Ludwigsburg wegen der Einsicht in die Sinnlosigkeit des Widerstands vom Chef der Kampftruppe auf der Haidgauer Haid im Brodbacherhof nach Hause entlassen lassen. Krentz lag in einem Schützengraben in „Marschalls Grub", nord-westlich unterhalb des Leprosenberges. Als seine Entlassung perfekt war, marschierte er ohne Waffen los. Er wollte der Bahnlinie folgend sich bis nach Ludwigsburg durchschlagen, sobald die Kämpfe abgeflaut waren.

Herr Müller vom Brodbacherhof bekam den Auftrag, das Maschinengewehr von Krentz zu holen, denn wäre der Soldat noch bewaffnet von einer deutschen Streife aufgespürt worden, wäre er sofort als Deserteur erschossen worden. Krentz kam zunächst bis Mennisweiler, wo er sich in einem heute abgerissenen Stadel am nördlichen Ortsausgang (Richtung Ehrensberg) ganz in der Nähe des Waldes versteckt hielt. Dort wurde er jedoch um den 30. April (der Krieg endete am 8. Mai mit der Kapitulation Deutschlands!) herum von einer französischen Streife, die vielleicht auf einem Jagdgang war, aufgespürt, sofort im Wald standrechtlich erschossen und dort vergraben. Die Mutter von Ludwig Krentz entschloss sich dann, ihrem Sohn dort die letzte Ruhestätte im Wald zu belassen, da er den Beruf eines Försters ergreifen hatte wollen. So kündet an dieser Stelle ein einfach umfasstes Grab mit einem Naturstein vom Ende eines hoffnungsvollen jungen Mannes, der am Schluss des Krieges einer sinnlosen Erschießung zum Opfer fiel." 9

Vom Leben und Sterben in der Pfarrei in früherer Zeit

Es ist nicht gerade ein erbauliches Thema, über das wir in der diesjährigen Ausgabe des Molpertshauser Lindenblatts berichten. Und dennoch, das Wissen darum, wie die Menschen früher das Leben und Sterben meistern mussten, korrigiert vielleicht auch manche Sorge, die uns heute plagt. Rudolf Schuhmacher hat in der Chronik Statistiken gefunden, die ein Bild auf die so oft glorifizierte „gute alte Zeit" werfen. Eine Zeit, die den Menschen allerdings wohl nicht immer in dieser nostalgischen Verklärung vorgekommen sein kann, wenn wir die Zahlen etwas näher betrachten.

1849 lebten 447 Menschen in der Pfarrei

Wenngleich der eigentliche Bevölkerungsschub für die Pfarrei erst mit dem Bau der Eisenbahn, die 1870 erstmals mit einer Probefahrt von Waldsee nach Kisslegg vorläufig abgeschlossen war, begann, so lebten doch schon 1849 insgesamt 447 Menschen in der Pfarrei (zum Vergleich: heute sind es circa 700). Von diesen waren 49 unter fünf Jahre alt. 64 im Alter von fünf bis 10 Jahren und 76 im Alter von 11 bis 20 Jahren. In den Zehnerbereichen zwischen 21 und 30 bzw. 31 und 40 Jahren waren es 77 bzw. 67 Personen. Über 50 Jahre alt waren nur insgesamt 62 Personen. Nur ein Mensch war im Jahre 1849 älter als 80 Jahre.

Geradezu erschreckend sind die Zahlen, die das Alter der Verstorbenen im Zeitraum von 1813 bis 1845 angeben. Insgesamt mussten in diesen 32 Jahren 455 Menschen zu Grabe getragen werden. Davon wurden 188 nicht einmal ein Jahr alt. Die Säuglingssterblichkeit war also geradezu furchtbar hoch. Noch einmal 44 Kinder starben bis zum Alter von 10 Jahren in dem oben genannten Zeitraum. Im Alter von 10 bis 20 Jahren verstarben 10, im Alter von 20 bis 30 Jahren 19, zwischen dem 30. und 40. Lebensjahr 34 und im Alter von 40 bis 50 Jahren 26 Menschen. Ab dem 50. Lebensjahr stieg die Zahl derer, die starben wieder an. Im Alter zwischen 50 und 60 Jahren starben 37, zwischen 60 und 70 Jahren 57 Menschen. 80 Jahre und älter wurden in diesem Zeitraum nur 9 Menschen. Einer starb mit 89 Jahren, ein anderer, wohl der „Methusalem" der damaligen Zeit, Christian Ott, mit 96 Jahren. Dieser Christian Ott hatte mehrere Töchter, die auf verschiedene Höfe in Molpertshaus heirateten.

Unter den Todesursachen stand „Gichter bei Kindern" an erster Stelle, viele Menschen starben an Auszehrung, Wassersucht, Nervenfieber, Entkräftung, Durchfall bei Kindern oder in Folge von Frühgeburten oder „Hartgeburten". In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden aber auch Keuchhusten, Scharlach, Stichhusten, Masern und Kindbettfieber als Todesursache notiert. Von den im Zeitraum zwischen 1808 und 1849 insgesamt verstorbenen 576 war Schwindsucht bei 18, Lungenentzündung bei 10, Magenkrebs bei 8 und Herzinfarkt bei 3 Personen die Todesursache. 3 starben auch am „Wahnsinn". Elf wurden Opfer eines Unfalls oder eines Verbrechens. Für 54 Personen wurde „Altersschwäche" als Todesursache angegeben.

Die Glocken im Turm der Pfarrkirche Molpertshaus

Die Frage nach dem Zeitpunkt der ersten Molpertshauser Glocke ist ebenso schwer zu beantworten wie die nach dem ersten Bau der Kirche. Die ursprünglichen Aufzeichnungen sind größtenteils verloren gegangen. Lediglich aus den Jahren von 1578 bis 1643 (also bis in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges) sind teilweise Niederschriften über Ein- und Ausgaben für die Kirche vorhanden. Leider kann aus diesen die obige Frage allerdings nicht beantwortet werden.

Pfarrer Sinz, der von 1848 bis 1864 Pfarrer in Molpertshaus war, schreibt im Jahre 1851: „Es befinden sich drei Glocken im Turm der hiesigen Kirche. Die größte Glocke trägt die Inschrift: Aus dem Feuer bin ich geflossen,

Sebastian Fohner aus Biberach hat mich gegossen. ‚Passio dominini nostri Jesu Christi’, (übersetzt: Das Leiden unseres Herrn Jesus Christus).

Pfarrer Sinz schreibt weiter, dass die Glocke zu Zeiten von „Balthasar Abt von Rothensi, Johannes Güttler, Parochi (= Pfarrer) von Haisterkirch, Georgius Thieringer von Mennischweiler, Georgius Liner von Molbaratshausen (beide Heiligenpfleger 1700) gegossen sein soll. Die Zahl 1700 muss allerdings ein Irrtum sein, da Balthasar Held von 1591 bis 1611 Abt von Roth war und die Amtszeit der Heiligenpfleger Thieringer von 1578 bis 1602 und die von Liner von 1600 bis 1620 dauerte. So gesehen, mag das Jahr 1600 wohl als Anschaffungsjahr der 403 Kilogramm schweren Glocke in etwa stimmen.

Die zweite Glocke, die 190 Kilogramm wog, wurde im Jahre 1757 von Einst aus Memmingen gegossen. Sie trug unter anderem die Buchstaben A. A. Z. R., also Ambrosius, Abt zu Rot (1755 bis 1758). Ferner trug die Glocke die Inschrift „Ave Maria gratia plena, 10

Dominus tecum. Amen", also „Gegrüßet seist du Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir. Amen". Die kleinere dritte Glocke, die ebenfalls 1757 gegossen wurde, trug die Aufschrift: „Laudetur Jesus Christus in aeternum. Amen", also Gelobt sei Jesus Christus in Ewigkeit. Amen.

Diese drei Glocken waren bis 1917 im Turm. Laut Gesetz mussten im Mai 1917 die beiden großen Glocken abgehängt werden, um sie zu Kriegszwecken einzuschmelzen. Pfarrer Steib notiert: „Der Kriegsteufel hat sie verschlungen".

Im Jahre 1920 wurde dann gesammelt, um wenigstens wieder eine zweite Glocke anzuschaffen. In Augsburg wurde die 200 Kilogramm schwere und später dem Heiligen Eligius geweihte Glocke gegossen. 11.082 Mark kostete diese Glocke. Nachdem Bronzeglocken mittlerweile zu teuer wurden, schuf man im Jahre 1922 zwei Stahlglocken an, die von der Firma Hörtz aus Ulm für 218.000 Mark (Inflation!) gefertigt wurden.

Schon 1930 zersprang dann die große Stahlglocke, sodass man sich entschloss, wieder ein vollständiges Geläut anzuschaffen. „Mit Gottes Hilfe und dem Vertrauen auf die Freigebigkeit der Pfarrgenossen wollen wir es in dieser schwierigen Zeit wagen", so schreibt der Chronist Pfarrer Krieger. Nach langen Verhandlungen stand fest: Die Firma Hörtz nimmt die beiden Stahlglocken als „Garantiefall" zurück und liefert dafür eine Turmuhr. Der Aufpreis von 3.500 Mark muss erst nach Ablauf von drei Jahren bezahlt werden. Die beiden Bronzeglocken von 1757 bzw. 1920 erhält der Bischof von Rottenburg für eine seiner Diözesankirchen für den Preis von einer Mark 50 für das Pfund Glockengut. Somit war der Weg frei für die Bestellung von neuen Bronzeglocken. Die vier Glocken mit einem Gewicht von 900, 430, 250 bzw. 170 Kilogramm wurden von der Firma Ulrich aus Kempten gegossen und konnten am 1. Dezember 1930 von Bischof Joannes Baptista Sproll persönlich geweiht werden.

Was für ewige Zeiten gedacht war, hielt keine zehn Jahre. Pfarrer Heinzmann schreibt später: „Der Wahnsinn des Krieges hat in ganz Deutschland, so auch hier, die Glocken vom Turm geholt, vielmehr geraubt." So geschehen im Jahre 1940. Pfarrer Heinzmann schreibt weiter: „Was ist eine Kirche ohne Glockengeläut?" So war es für ihn eine Selbstverständlichkeit, schon 1951, ein Jahr nach seiner Investitur, die Beschaffung von Glocken in Angriff zu nehmen. Nachdem dann noch ein neuer, eisener Glockenstuhl montiert worden war, konnte am 26. März 1951 Dekan Rieger die neuen Glocken weihen. Möglich wurde die Bezahlung nur durch die Vorfinanzierung der Maßnahme durch ein Gemeindemitglied. So hat also Molpertshaus in seinem Kirchturm eigentlich recht junge Glocken. Bleibt zu hoffen, dass diese niemals zu einem fremden Zweck missbraucht werden.

Die Daten des Geläutes: Gestimmt ist das Vier-Glocken-Geläut in f – a – c – d. Die größte Glocke mit einem unteren Durchmesser von 1.18 Meter, einem oberen von 60 Zentimeter und einer Höhe von 1 Meter wiegt 977 Kilogramm. Ein Bild auf der Glocke zeigt Christus mit der Weltkugel. Die Inschrift lautet: Christus Rex rege nos, also Christus König, führe uns.

Die zweitgrößte Kugel wiegt 435 Kilogramm bei einer Höhe von 74 Zentimetern und einem unteren Durchmesser von 92 Zentimetern und einem oberen von 48 Zentimetern. Auf dieser ist ein Bild der Mutter Gottes zu sehen. Die Inschrift lautet: „Assumta Ascendisti nunc descende, was soviel bedeutet wie: Du in den Himmel Aufgenommene bist emporgestiegen. Nun steige herab. Die dritte Glocke wiegt noch 259 Kilogramm und hat einen oberen Durchmesser von 76 Zentimetern und einen unteren von 39 Zentimetern bei einer Höhe 11

von 66 Zentimetern. Die Inschrift lautet: „Vocco Occisos et Pacem", was übersetzt heißt: Ich rufe die Gefallenen und den Frieden.

Schließlich hängt im Glockenturm doch noch eine vierte Glocke aus dem Jahre 1930. Diese mit 170 Kilogramm Gewicht kleinste Glocke (Höhe 54 Zentimeter, unterer Durchmesser 66 und oberer 36 Zentimeter) trägt die Inschrift: „O Maria, Jungfrau mein, führ uns in den Himmel ein".

Noch zu Beginn der 50-er Jahre wurde vom Mesner und den Ministranten mit dem Seil geläutet, was allerdings bald durch ein elektrisches Läutwerk ersetzt wurde.

Seit 1951 rufen nun also die oben beschriebenen Glocken zum Gottesdienst, mahnen mit dem Angelus-Läuten und dem Geläute zur Wandlung zum Gebet, schlagen uns die Stunden an und verkünden uns die traurige Nachricht, wenn ein Mitglied unserer Gemeinde verstorben ist.

(auf den Fotos von der Glockenweihe im Jahre 1930 sind abgebildet: vorne rechts Pfr. Georg Krieger, Molpertshaus; daneben, etwas gebückt: Pfr. Konrad Steib, Pfarrer von Molpertshaus von 1896 bis 1920; im Messgewand links: Pfr. Georg Fink, Bergatreute, rechts der Pfarrer von Eintürnen; ebenfalls anwesend. Pfr. Nusser, Waldsee und Pfr. Müller; die Himmelträger sind Alois Lohr, Molpertshaus (vorne links), Benedikt Birkenmayer, Molpertshaus (vorne rechts), Josef Keller, Furt (hinten links) und Georg Holzwarth, Molpertshaus (hinten rechts), unter dem Himmel ist Bischof Joannes Baptista Sproll, der später als „Bekennerbischof" in die Geschichte einging; das kleine Foto auf Seite 10 zeigt die Glocken von 1930 bei der Abholung in Roßberg).

Gedenktafel erinnert an Gefallenen aus dem Krieg von 1870/71

Heute steht die Gedenktafel im Abstellraum neben dem Pfarrhaus. Bei der Friedhofsverlegung im Jahre 1877 wurde von den Angehörigen des Alois Schenk, der im Krieg zwischen Frankreich und Deutschland in den Jahren 1870 und 1871 starb, der Antrag gestellt, die Gedenktafel möge doch in der alten Pfarrmauer eingemauert werden. Auf der Tafel ist noch zu entziffern: „Erinnerung an Alois Schenk aus Zwings, Wachtmeister" und dazu die Zahl „1871". Die weitere Beschriftung der Tafel ist unleserlich geworden. Alois Schenk wurde am 9. Juni 1833 als Sohn der ledigen Juditz Merk aus Zwings und des ledigen Josef Anton Schenk aus Ritzenweiler geboren. Pate war Alois Gögler aus Zwings und Maria Wäscher aus Ehrensberg. Im Krieg zwischen Frankreich und Deutschland in der Jahren 1870 und 1871 musste Alois Schenk mit neun weiteren Männern aus der Pfarrei einrücken. Im Jahre 1871 schreibt Pfarrer Breitenbach in der Chronik: „Von Wachtmeister Schenk heißt es, er sei bei Provientiol und Champigag gefährlich an Typhus erkrankt, vielleicht sogar schon verstorben." Zu Erinnerung an diesen Soldaten wurde die Tafel erstellt.

O Hanser, hätt i doch nix vom Holla gseit. S hätt’s scho no dau

Im Folgenden veröffentlichen wir eine Geschichte, die noch vor gar nicht allzu langer Zeit sich ereignete und mit einem Vorfahren einer Oberurbacher Familie zu tun hat.

Im nahen Urbachtäle lebte um die Jahrhundertwende (also um 1900) der Hanser mit seinem Weib, der Mariann. Im Lauf der Zeit und als Folge des gemächlichen Ehelebens war der Hanser recht umfangreich geworden. Daher litt er nun häufig an Atemnot, sodass die Mariann ihm einen baldigen Tod voraussagte. Eines Tages quälte ihn die Atemnot wieder so sehr. Sein braves Eheweib bereitete den Kranken daher darauf vor, dem Tod, der vor der Türe stehe, fest ins Auge zu sehen und für sein Seelenheil zu beten. Als gegen Abend der Hanser immer noch keuchte und sich quälte, Luft zu bekommen, lief die besorgte Mariann rasch zur Nachbarin, ihr doch beizustehen, da jetzt ihr Mann sterben müsse. Im Vorbeispringen rief sie auch noch dem Nachbar August Wild, er solle doch schnell kommen, denn es sei bestimmt „so weit" und sie bitte den August nach ihm zu sehen und in seinem letzten Stündlein nahe zu sein.

Dieser Nachbar August (August Wild war der Urgroßvater von Helene Fischer-Wild) war so eine Art Doktor für alles, für Mensch und Vieh. So beeilte sich August, um hinter der alten Mariann herzukommen und dem Totgeweihten seine Hilfe anzubieten und bei dessen Ende anwesend zu sein. Da der „Doktor" sich recht gut im Häusle der Mariann auskannte, begab er sich so schnell er springen konnte durch den Hausgang in die Schlafstube. Doch da war weder der Kranke noch sein Weib zu finden. Das Bett des armen Hanser war leer. Also steig er die Kammerstiege hinab und ging hinein in die Stube. Hier saßen auch wirklich die Mariann und die Nachbarin am Stubentisch und lasen beim flackernden Schein der geweihten Kerzen mit lauter Stimme die „Gebete für Sterbende". „Ja, Mariann, wo isch denn der Hanser?" fragte jetzt der August verwundert und bekam die Antwort, dass der Hanser im Ofenwinkel sei. Richtig, dort sah der 12

Nachbar den „Sterbenden" tatsächlich im alten wackligen Lehnstuhl sitzend, den Rosenkranz um die Hand gewickelt und in seiner Rechten die brennende Sterbekerze haltend. Nach gewohnter Art und Weise besah der August sich den Patienten kritisch und ergriff alsbald dessen Hand, um nach dem Puls des Kranken zu fühlen. Scheinbar schlug derselbe aber noch recht kräftig. August Wild konnte nichts Anderes feststellen als seine Wahrnehmung: „Ja, Hanser, mit so ma Puls schtirbt ma aber no it!" Da hättet ihr den Hanser sehen sollen. Mit einem aus der Tiefe seiner Lungen geholten Blasebalg pustete er blitzschnell die Kerze aus und erwiderte: „I glaubs au it, August" und tat der Mariann noch nicht den Gefallen, grad auf Kommando zu sterben. Erst etliche Monate später biss der Hanser dann wirklich ins Gras. Jetzt war es aber die Mariann, die es mit der Angst zu tun bekam. Hatte sie nicht tagtäglich bei Lebezeiten ihres „Seligen" zu diesem gesagt: „Gell, Hanser, wenn du tot bischt, hollescht me au!"

Als aber der erste Schmerz um den Verstorbenen überstanden war, merkte die Mariann, dass sie eigentlich ein ganz zufriedenstellendes Auskommen hätte und sie keine Not zu leiden habe. Oh, wie reute es das arme Weiblein, dass sei beim kranken Hanser so oft diesen Wunsch geäußert hatte. So frug sie in ihrer Seelennot und Angst sämtliche Bekannte und Nachbarn, ob es wohl möglich sei, dass ihr „Seliger" sie holen könne. Dies gab natürlich überall Anlass über die Mariann und ihre Not zu lachen und die Kinder riefen daher schon von weitem ihr zu: „Mariann, der Hanser hellet de bald!"

Also, so dachte sie, wird’s halt keine Möglichkeit geben, dem harten Schicksal, das sie selber heraufbeschworen hatte, aus dem Weg zu gehen. In diesem Glauben legt sich die Mariann auch ins Bett und stirbt unversehens. Ihre letzten Worte aber waren: „O Hanser, hätt i doch nix vom Holla gsagt. S’ hätt’s scho no dau!"